Was ist nur mit mir geschehen?
Diese Frage stellt sich mir öfter. Wenn ich mir die Bilder vom vergangenen Jahr anschaue, kommen mir die Tränen. Ich habe das alles noch nicht verarbeitet. Diese Krankheit ist über mich hergefallen...plötzlich, unerwartet. Es ging mir schon vorher nicht gut, aber entweder hatten die Ärzte nichts gefunden, oder der Befund war da, aber so gering, das es nur beobachtet wurde. Dann diese furchtbaren Schmerzen, und ein Lymphom, was in meinem Körper buchstäblich explodiert ist, in kurzer Zeit rasant gewachsen.
Diagnostische Untersuchungen folgten, dann die Gewissheit, ich habe Krebs. Diese furchtbare Krankheit, die alles verändert, und wenn ich sage alles, dann meine ich es so. Eine Krebsdiagnose ist der Moment, in der dein altes Leben aufhört, es wird dir der Boden unter den Füßen weggezogen. Du begreifst gar nicht, was da passiert. Mit dieser Diagnose stirbt das Vertrauen in deinen Körper. Krebs filtert : Dinge verändern sich, Freundschaften gehen, andere kommen, die Sexualität ist nur noch eingeschränkt möglich, manchmal unmöglich. Darüber spricht bloß keiner. Auch jetzt fällt es mir schwer, darüber zu schreiben, ohne das mir die Tränen kommen.
Die sechs Chemotherapien, bis Mitte Dezember, überstanden, mit allen Begleiterscheinungen. Danach Erholungspause, Ende Januar war das nächste Kontroll-CT, Hoffnung, Angst vor dem Ergebnis. Der Tumor ist noch da, geschrumpft, aber noch vorhanden. Und immer noch Schmerzen und die Alarmglocken in meinem Kopf.
Viele denken, du hast ja die Akuttherapie überstanden, also bist du ja praktisch genesen. NEIN. Man ist jahrelang in der Nachsorge. Antikörpertherapie, Blutkontrollen, CT, Tabletten. Immer bist du in Alarmbereitschaft, dein Körper im Überlebensmodus.
Es wird eine Erhaltungstherapie mit Antikörpern geben, über zwei Jahre alle acht Wochen. Aktuell bekomme ich Bestrahlungen, 20 - 22x, täglich, bis auf Samstag und Sonntag. Vorher war ich zweimal im Planungs-CT, damit die Strahlenärzte mich genau bestrahlen können. Bei der ersten Bestrahlung wurde meine Bauch angemalt, damit ich immer in der exakt gleichen Position liege. Man sieht die Strahlen nicht, man spürt sie nicht... und hinterher fühle ich mich, als ob ich einen Marathon gelaufen bin. Meine Tagesplanung richtet sich nach dem Abholtermin vom Fahrdienst, im günstigsten Fall bin ich nach zwei Stunden zu Hause, im Ungünstigsten nach 3 bis 3 1/2 Stunden, je nachdem, ob noch mehr Patienten im Auto sitzen und wie der Verkehr ist.
Ich freue mich über kleine Dinge, Sonnenstrahlen im Gesicht, mein Kaffee am Morgen, gutes Essen...ich weiß, die Normalität kann so schnell kippen, von einem zum anderen Tag ist nichts mehr wie es war. Ich fühle Freude intensiver, Angst aber auch. Meinen Körper muss ich neu kennenlernen, meine Psyche ist manchmal am Rande des Wahnsinns.
Hat der Krebs mir irgendetwas gegeben ? Nein, er hat mich gezwungen, hinzusehen. Auf meine Lebenszeit, und hat mir meine Grenzen gezeigt.
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